Deutsch - Kadenzen

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Kadenz

Kadenzen begegnen dir in der Musik als harmonische Abfolge von Akkorden oder Tonarten. Kadenzen machen jedoch auch Gedichte „lebendig“, denn in der Lyrik kommen sie als Muster von betonten und unbetonten Silben vor. Sie werden eingesetzt, um Gefühle, Stimmungen oder einen bestimmten Rhythmus in einem Gedicht zu erzeugen. Kadenzen geben wichtige Informationen preis, indem sie dir bezüglich der Lesart eines Gedichts helfen oder dir andere Hinweise über die Intentionen des/der Autor*in geben. 


In dieser Lerneinheit erklären wir dir, wie Kadenzen funktionieren. Welche Arten von Kadenzen gibt es und wie werden sie bestimmt? Mit unserer Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Bestimmung von Kadenzen und Anwendungsbeispielen wirst du Kadenzen einfach verstehen und selbst anwenden können. 


Was ist eine Kadenz? – Definition

Kadenz (von lateinisch: cadere „fallen“) ist ein Element in der Rhetorik und Lyrik. In der Lyrik bezeichnet die Kadenz das Muster von betonten und unbetonten Silben am Ende einer Verszeile innerhalb eines Gedichts. Sie gibt Aufschluss darüber, wie die letzten beiden Silben betont werden. Allgemein wird auch von Hebungen (betont) und Senkungen (unbetont) gesprochen. 

Die Kadenz ist entscheidend für den Rhythmus, die Wirkung, den Klang und die Lesart eines Werkes. Durch die Verwendung von Kadenzen kann der Autor oder die Autorin den Text betonen und eine Stimmung aufbauen, damit der Inhalt besser im Gedächtnis bleibt. 


Die drei Arten von Kadenzen

Insgesamt kannst du drei Arten von Kadenzen unterscheiden: die männliche, die weibliche und die reiche Kadenz


1. Männliche Kadenz


Das Merkmal der männlichen Kadenz (auch stumpfe oder harte Kadenz) ist, dass der Vers auf eine betonte Silbe endet.

Die männliche Kadenz wird verwendet, wenn Gefühle, wie Entschlossenheit oder Kraft betont werden sollen. Traditionell wurden diese Eigenschaften Männern zugesprochen, weshalb sie als „männliche“ Kadenz bezeichnet wird. 

Die Silbe vor einer männlichen Kadenz ist immer unbetont. Die letzten beiden Silben im Vers sind folglich: unbetontbetont.


Beispiel aus dem Gedicht „Die Stadt“ von Theodor Storm: 

AmgrauenStrand,amgrauenMeer
xXxXxXxX


UndseitabliegtdieStadt
xXxXxX


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Merke

Bei den letzten beiden betonten Silben im Vers handelt es sich um Substantive (Meer und Stadt), auf welche keine weiteren Silben mehr folgen. Der Vers endet auf eine betonte Silbe. 

Daran kannst du erkennen, dass es sich um eine männliche Kadenz handelt. 



2. Weibliche Kadenz


Die weibliche Kadenz (auch klingende oder weiche Kadenz) bezeichnet eine Silbe mit einer Senkung, einer unbetonten letzten Silbe in einem Vers. Mithilfe der weiblichen Kadenz sollen weiche Gefühle ausgedrückt werden. 

Die Silbe vor einer weiblichen, unbetonten Kadenz ist immer betont. Die Silbenfolge am Ende des Verses lautet: betontunbetont.


Beispiel aus Friedrich Schillers Ode „An die Freude“:

Auf die betonte Silbe „Fun-“ folgt die unbetonte Silbe „-ken“.


FreudeschönerGötterFunken
XxXxXxXx


TochterausElysium
XxXxXxX


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Merke

Im zweiten Vers findest du hingegen eine männliche Kadenz. Hier folgt auf die unbetonte Silbe-si“ die betonte Silbe-um“. Dies ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich Kadenzen auf die Verse und nicht auf die ganze Strophe oder das gesamte Gedicht beziehen. Kadenzen können innerhalb der Verse wechseln.


3. Reiche Kadenz

Die reiche Kadenz (auch volle Kadenz) stellt einen Sonderfall dar, denn sie kommt selten vor. Die reiche Kadenz endet auf mehrere unbetonten Silben.  

Die letzten drei Silben im Vers sind folglich: betont/unbetont/unbetont

Beispiel für eine reiche Kadenz (Rainer Maria Rilkes „Sonette an Orpheus“): 

WirsinddieTreibenden
XxxXxx


AberdenSchrittderZeit
XxxXxX


NehmtihnalsKleinigkeit
XxxXxx


imimmerBleibenden
XxxXxx


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Achtung

Schaue dir die letzte Silbe im Vers an. Du wirst feststellen, dass die reiche Kadenz schnell mit der weiblichen Kadenz verwechselt werden kann, da in beiden Fällen die letzte Silbe unbetont ist. Reiche Kadenzen können übersehen werden, wenn du nur nach betonten und unbetonten Silben suchst. Daher ist es auch wichtig darauf zu achten, wie viele Silben auf die letzte Betonung folgen. 


Übersicht der Kadenzen

Männliche Kadenz 
Der Vers endet auf eine betonte Silbe
Weibliche Kadenz 
Der Vers endet auf eine unbetonte Silbe
Reiche KadenzDer Vers endet auf mehrere unbetonte Silben (Achtung! Verwechslungsgefahr mit der weiblichen Kadenz)


Kadenzen im Gedicht – Schritt-für-Schritt-Anleitung

In diesem Abschnitt zeigen wir dir Schritt für Schritt, wie du Kadenzen in einem Gedicht bestimmen kannst:


1. Das Gedicht verstehen: Achte zunächst auf den Rhythmus und die Betonungen in dem Gedicht. Das Versmaß (auch Metrum) legt die unbetonten und betonten Silben in einem Vers fest. Durch das Metrum erhält das Gedicht seinen Rhythmus und seine Struktur. 

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Tipp

Lies dir den Text laut und deutlich vor. Die betonten Silben wirst du beim Sprechen lauter aussprechen und deine Stimme wird sich leicht heben (Hebung). Bei unbetonten Silben senkst du die Stimme (Senkung). 


2. Markiere betonte und unbetonte Silben: Nun kannst du die Silben in jeder Zeile trennen, etwa mit einem Trennstrich. Danach markierst du die betonten (großes X) und unbetonten Silben (kleines x) in den Versen. Andere Kennzeichnungen sind natürlich erlaubt.


In dem Gedicht „Die Stadt“ von Theodor Storm sieht das so aus: 

AmgrauenStrand,amgrauenMeer
xXxXxXxX


UndseitabliegtdieStadt
xXxXxX


In Friedrich Schillers Ode „An die Freude“ sieht die Trennung wie folgt aus:

FreudeschönerGötterFunken
XXXxXxXx


TochterausElysium
XxXxXxX


3. Identifiziere das Metrum: Nachdem du die betonten und unbetonten Silben markiert hast, kannst du nach wiederkehrenden Mustern suchen, indem du die Anzahl der Hebungen und Senkungen zählst und wiederkehrende Muster von betonten und unbetonten Silben ermittelst. 

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Merke

Einige übliche Metren sind: Jambus (unbetont/betont); Trochäus (betont, unbetont) und der Anapäst (unbetont, unbetont, betont). In dem Gedichtbeispiel von Storm liegt die Silbenfolge unbetont/betont vor und somit ein Jambus. Bei dem Gedicht von Schiller handelt es sich um einen Trochäus. 


4. Analysiere den Rhythmus:
Der Rhythmus eines Gedichts ergibt sich aus dem Muster von betonten und unbetonten Silben. So kannst du herausfinden, ob das Gedicht einen gleichmäßigen oder ungleichmäßigen Rhythmus und welche Auswirkungen dieser auf deine Lesbarkeit und den Klang des Textes hat. 

5. Bestimme die Kadenz: Die Kadenz bezieht sich auf den Klang und auf die Muster von betonten und unbetonten Silben in einem Gedicht. Wenn du die Kadenz bestimmen willst, sind die letzten beiden Silben im Vers interessant. Beachte jedoch auch, wie viele Silben auf die letzte Betonung folgen, um Verwechslungen auszuschließen. 

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Tipp

Damit du ein Gefühl dafür bekommst, welche unterschiedliche Wirkung von der Metrik erzeugt werden kann, lese dir Zeilen aus den Gedichtbeispielen von Storm und Schiller laut vor.

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Anwendungsbeispiel an einem Gedicht

In der ersten Strophe des Gedichts „Willkommen und Abschied“ von Johann Wolfgang von Goethe kannst du deine Kenntnisse über Kadenzen überprüfen. Zunächst werden die Silben getrennt und alle betonten und unbetonten Silben markiert, um die Kadenzen zu bestimmen.

EsschlugmeinHerzge-schwind,zuPferde
xXxXxXxXx

🡪  (weibliche Kadenz)


Eswargetanfastehge-dacht
xXxXxXxX

🡪 (männliche Kadenz)


DerA-bendwieg-teschondieErde
xXxXxXxXx

🡪 (weibliche Kadenz)


UndandenBer-genhingdieNacht
xXxXxXxX

🡪 (männliche Kadenz)


SchonstandimNe-bel-kleiddieEi-che
xXxXxXxXx

🡪 (weibliche Kadenz)


Einauf-ge-türm-terRie-se,da
xXxXxXxX

🡪 (männliche Kadenz)


WoFin-ster-nisausdemGe-sträuche
xXxXxXxXx

🡪  (weibliche Kadenz)


Mithun-dertschwarzenAu-gensah
xXxXxXxX

🡪 (männliche Kadenz)


Beim Versmaß in dem Gedicht handelt es sich um einen Jambus (unbetont/betont). Weibliche und männliche Kadenzen lösen sich ab. Zudem liegt ein Kreuzreim vor, bei dem sich die Reime genau wie die Kadenzen abwechseln: Dieser harmonische Einsatz gibt dir einen weiteren wichtigen Hinweis. Bei „Willkommen und Abschied“ handelt es sich um ein Liebesgedicht, das von einem heimlichen Treffen zwischen Geliebten erzählt. Die Liebe wird aus dem Zusammenspiel von männlichen und weiblichen Kadenzen betont. 

Exkurs: Zusammenhänge zwischen Kadenz, Reimschema und Versmaß

Das Versmaß ist nichts anderes als das sogenannte Metrum, das sich auf die Anzahl und Betonung der Silben in einem Vers bezieht. Die Kadenz hängt eng mit dem Versmaß/Metrum zusammen, denn dieses bestimmt die Abfolge von betonten und unbetonten Silben. 


Zusammen mit dem Reimschema, welches das Muster beschreibt, nachdem sich die einzelnen Verse reimen (zum Beispiel: Paarreim, Kreuzreim oder Schweifreim), erzeugen Versmaß und Kadenz einen bestimmten Klang oder Stimmung sowie einen Rhythmus im Gedicht, die sich wiederrum auf die Gefühlslage oder die Gedanken der Leser*innen oder Hörer*innen auswirken. 

Wozu dient die Kadenz?

Kadenzen beeinflussen den Rhythmus innerhalb eines Gedichts. Sie helfen, dir das metrische Muster des Gedichts zu verstehen und steuern deine Leseart, indem sie den beabsichtigten Klang oder Rhythmus vorgeben.


Die Kadenz ist dafür verantwortlich, wie flüssig sich das Gedicht lesen lässt. Kadenzen haben einen Einfluss auf das Tempo und die Gefühle, die ein Gedicht transportieren soll. Tendenziell werden wechselnde Kadenzen als harmonisch wahrgenommen, während Gedichte mit einer überwiegend männlichen Kadenz dynamischer gelesen werden. Texte mit einer vorwiegend weiblichen Kadenz fühlen sich ruhiger an oder bringen weichere Emotionen zum Ausdruck. 


Kadenz – Zusammenfassung

  • Die Kadenz bezeichnet das Muster von betonten und unbetonten Silben am Ende einer Verszeile innerhalb eines Gedichts.
     
  • Es gibt die männliche, die weibliche und die reiche Kadenz. 

  • Bei der männlichen Kadenz endet der Vers auf einer betonten Silbe.

  • Die weibliche Kadenz bezieht sich auf die unbetonte letzte Silbe in einem Vers. Die Silbe vor einer weiblichen, unbetonten Kadenz ist immer betont. 

  • Die reiche Kadenz stellt einen Sonderfall dar und endet auf mehreren unbetonten Silben.

  • Hinweis! Die reiche Kadenz kann schnell mit der weiblichen Kadenz verwechselt werden. Daher ist es wichtig, dass es nicht nur um die letzte Silbe geht, sondern darum, wie viele Silben auf die letzte Betonung folgen. 

  • Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Kadenz-Bestimmung:
    1. Gedicht verstehen und auf Rhythmus und Betonungen achten 🡪 Stichwort Versmaß
    2. Markiere betonte und unbetonte Silben mit einem Trennstrich und anschließend die betonten und unbetonten Silben in den Versen, zum Beispiel mit einem großen X und mit einem kleinen x.  

  • Suche nach wiederkehrenden Mustern im Metrum, indem du die Anzahl der Hebungen und Senkungen zählst. Übliche Metren sind zum Beispiel: Jambus (unbetont/betont); Trochäus (betont, unbetont) und der Anapäst (unbetont, unbetont, betont). 

  • Analysiere den Rhythmus: Der Rhythmus eines Gedichts ergibt sich aus dem Muster von betonten und unbetonten Silben. 

  • Bestimme die Kadenz: Die Kadenz bezieht sich auf den Klang und auf die Muster von betonten und unbetonten Silben in einem Gedicht. Wenn du die Kadenz bestimmen willst, sind vor allem die letzten beiden Silben im Vers interessant. 

  • Das Metrum bezeichnet das Versmaß. Es bezieht sich auf die Anzahl und Betonung der Silben in einem Vers. Die Kadenz hängt eng mit dem Versmaß zusammen, denn dieses bestimmt die Abfolge von betonten und unbetonten Silben. 

  • Gemeinsam mit dem Metrum beeinflusst die Kadenz den Rhythmus, der verantwortlich dafür ist, wie flüssig sich das Gedicht lesen lässt. 
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Merke

Es ist nicht schwer, Kadenzen in einem Gedicht zu verstehen. Es kann zu Beginn etwas Übung erfordern. Lass dich nicht entmutigen, denn mit wachsender Erfahrung kannst du deine Kenntnisse optimal für deine literarischen Analysen und dein individuelles Verständnis für rhythmische Gestaltung von Poesie einsetzen.  



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